Ein großes italienisches Pharmaunternehmen steht vor einem möglichen Wechsel in private Hände. Das private Equity-Unternehmen CVC Capital Partners und die belgische Investmentgruppe Groupe Bruxelles Lambert (BGL) haben ein Übernahmeangebot in Höhe von 12,4 Milliarden US-Dollar (ca. 10,7 Milliarden Euro) für das Pharmaunternehmen Recordati vorgelegt. Recordati ist derzeit eines der wenigen großen italienischen Pharmaunternehmen, das an der Börse gehandelt wird. Ende März bestätigte CVC, das bereits 46,8 % der Anteile an Recordati hält, ein unverbindliches Vollübernahmeangebot. Damit soll das Unternehmen von der italienischen Börse genommen werden. Im Mai bestätigte Recordati, dass das Konsortium pro Aktie 51,29 Euro bietet. Das entspricht einem Aufschlag von 12,89 % gegenüber dem Aktienkurs vom 25. März, kurz vor Bekanntwerden des Interesses von CVC. In einer Mitteilung erklärte Recordati, dass der Grund für das Angebot sei: “Als privat geführtes Unternehmen könnte Recordati von einer größeren organisatorischen und betrieblichen Flexibilität sowie effizienteren Entscheidungsprozessen profitieren, während strategische Kontinuität und Fokus erhalten bleiben.” Das Unternehmen ergänzte in einer Stellungnahme, dass das neue Angebot “von einer engagierten, flexiblen und stabilen Aktionärsstruktur unterstützt wird, in der CVC und GBL als Co-Kontrollinvestoren mit klarer Verpflichtung zur langfristigen Unterstützung der Unternehmensentwicklung zusammenarbeiten.” Recordati wurde 1926 als Familienapotheke in Norditalien gegründet und ist heute in über 150 Ländern aktiv. Das Unternehmen umfasst sowohl pharmazeutische als auch chemische Einheiten. In den letzten Jahren hat sich die finanzielle Lage von Recordati deutlich verbessert. Im Jahr 2025 stiegen die Einnahmen um 8,3 % auf 2,62 Milliarden Euro, angetrieben vor allem durch das starke Wachstum im Bereich seltener Krankheiten. Dazu gehört auch das Medikament Isturisa (Wirkstoff: Osilodrostat) zur Behandlung des Cushing-Syndroms, dessen Spitzenumsatzprognose im November 2025 auf 1,2 Milliarden Euro verdoppelt wurde. Die italienische Pharmabranche steht vor der Herausforderung, ein Gleichgewicht zwischen inländischem Wachstum und Exporten zu finden. Italien gilt zwar als einer der wichtigsten Standorte in Europa für Auftragsfertigung, doch italienische Pharmaunternehmen haben Schwierigkeiten, sich aufgrund fragmentierter Risikokapitalmärkte weiterzuentwickeln. Die größten Pharmaunternehmen Italiens – Menarini, Chiesi Farmaceutici und Angelini Pharma – sind bereits in privater Hand. Der mögliche Börsenrückzug von Recordati ist daher besonders bemerkenswert. Die italienische Pharmabranche erlebte jedoch 2026 eine Reihe von Übernahmen: Im Mai gab Angelini bekannt, das US-amerikanische Unternehmen Catalyst Pharmaceuticals für 4,1 Milliarden US-Dollar zu übernehmen, das sich auf seltene Krankheiten spezialisiert hat. Einen Monat später einigte sich Chiesi auf den Kauf von KalVista Pharmaceuticals – ebenfalls ein Unternehmen im Bereich seltener Krankheiten – für 2 Milliarden US-Dollar.


