Neue Erkenntnisse zur Nitrosamin-Bildung in Tabletten: Nitrit in Hilfsstoffen ist nicht statisch und muss aktiv kontrolliert werden

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass der Nitritgehalt in Hilfsstoffen, die bei der Herstellung von festen oralen Medikamenten wie Tabletten verwendet werden, nicht ein feststehender Wert ist, sondern sich durch Umwelteinflüsse wie Stickoxide in der Luft verändert. Wissenschaftler der Unternehmen Merck Healthcare KGaA und Lek Pharmaceuticals (ein Unternehmen der Sandoz-Gruppe) haben in einer gemeinsamen Studie herausgefunden, dass der Nitritgehalt in diesen Hilfsstoffen dynamisch ist und von der Belastung mit Stickoxiden (NOₓ) aus der Umgebungsluft abhängt. Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass der Nitritgehalt ein unveränderlicher Materialwert sei.

Hintergrund dieser Untersuchung sind aktuelle Berichte, die Nitrit-Verunreinigungen in Hilfsstoffen als Hauptursache für die Bildung von Nitrosaminen identifizieren. Nitrosamine sind potenziell krebserregende Verbindungen, die in Medikamenten unerwünscht sind. In der Folge haben Hersteller von Hilfsstoffen begonnen, den Nitritgehalt in ihren Produktdeklarationen anzugeben. Einige bieten sogar spezielle „niedrig-Nitrit“-Qualitäten an, die einen geringeren Nitritgehalt versprechen.

Die Studie von Grahek und Kollegen zeigt jedoch, dass selbst diese als „niedrig-Nitrit“ gekennzeichneten Hilfsstoffe nicht automatisch zu einem niedrigen Nitritgehalt im fertigen Medikament führen. Vielmehr hängt das Risiko für die Bildung von Nitrosaminen von verschiedenen Faktoren ab. Dazu gehören die Art des Hilfsstoffs selbst, seine Menge im Medikament und die Herstellungsprozesse. So können Hilfsstoffe, die zwar mäßig Nitrit aufnehmen, aber in großen Mengen im Medikament enthalten sind, ein höheres Risiko darstellen als Hilfsstoffe mit höherem Nitritgehalt, aber geringerem Nitritaufnahmevermögen.

Ein besonders wichtiger, aber oft unterschätzter Faktor ist die Luftqualität während der Herstellung der Hilfsstoffe. Die Studie betont, dass die Kontrolle der Prozessluft ein entscheidender Schritt ist, um das Risiko der Nitrosaminbildung zu minimieren. Besonders bei Herstellungsprozessen wie der Granulation, Trocknung im Wirbelschichtverfahren oder Filmbeschichtung kann es zu einer erhöhten Exposition gegenüber Stickoxiden kommen, was die Nitritbildung begünstigt.

Die Forscher fanden zudem heraus, dass verschiedene Hilfsstoffe unterschiedlich auf Stickoxide reagieren. So führt die Einwirkung von Stickstoffdioxid (NO₂) in der Regel zu einer stärkeren Nitritbildung als die Einwirkung von Stickstoffmonoxid (NO). Bestimmte basische Hilfsstoffe wie Carbonate können Nitrit zwar in größerem Umfang aufnehmen, aber gleichzeitig ein basisches Milieu schaffen, das die Bildung von Nitrosaminen erschwert. Andere Hilfsstoffe wie Stärke oder Cellulosederivate nehmen dagegen nur mäßig Nitrit auf, sind aber in vielen Medikamenten in großen Mengen enthalten, was das Risiko für Nitrosaminbildung erhöht.

Die Studie unterstreicht auch die Bedeutung von sorgfältigen Handhabungspraktiken bei der Analyse von Proben. Durch die Minimierung der offenen Exposition von nitritempfindlichen Materialien gegenüber Umgebungsluft kann die unerwartete Aufnahme von Nitrit reduziert und die Zuverlässigkeit der Messergebnisse verbessert werden. Allerdings weisen die Autoren darauf hin, dass ihre Ergebnisse nur relative, nicht absolute Werte für die Nitritaufnahme liefern.

Aus diesen Erkenntnissen leiten die Forscher Empfehlungen für eine risikobasierte Bewertung und Kontrolle der Nitrosaminbildung in festen oralen Medikamenten ab. Dabei sollte nicht nur der anfängliche Nitritgehalt der verwendeten Hilfsstoffe berücksichtigt werden, sondern auch das Herstellungsverfahren und die spezifischen Eigenschaften der Formulierung. Die Studie wird voraussichtlich im November 2026 im Journal of Pharmaceutical Sciences veröffentlicht.

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